Das Rad - Fortbewegungsmittel und Lebensgefühl zugleich

Schlagwort: Radwege Seite 2 von 4

Andere Länder, andere Sitten

Die Bilder der Woche kommen aus Südkorea, genauer gesagt aus der Hauptstadt Seoul. Dort verbringt meine Jüngste gerade ein Auslandssemester. Das Fahrrad ist in der Millionenstadt Seoul nicht erste Wahl, wenn es darum geht zur Arbeit, zur Schule oder zur Uni zu gelangen. Dazu sind die Wege zu lang, der Verkehr zu dicht und viel zu hektisch. Das Rad führt aber dennoch kein Schattendasein. In der Freizeit und für sportliche Zwecke wird es viel genutzt.

Cycling the busy main streets of the citiy is not recommended but a pedal along the cycling lanes beside the Han River and through several parks can be a pleasure.

Solche vom restlichen Verkehr komplett getrennt verlaufende Radwege hätte ich auch gerne, aber nicht nur entlängs der Flussläufe, auch innerorts. So könnten z.B. die Radschnellwege aussehen, die derzeit bei uns in Deutschland in aller Munde sind.

Radweg entlängs des Han Flusses

Was die zu leihenden Räder anbelangt, bin ich nicht so begeistert, aber ich bin natürlich auch verwöhnt.

Leihräder in Seoul

Radlerforum Karlsruhe

Ich wohne seit knapp 30 Jahren in Karlsruhe und das Rad ist mein Hauptfortbewegungsmittel, aber ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich das Radlerforum Karlsruhe bis vor kurzem gar nicht kannte. Bei einem unserer letzten CM Treffen (einmal im Monat treffen sich Anhänger/Mitfahrer der Critical Mass Bewegung in Karlsruhe zu einem Meinungsaustausch) wurde das Radlerforum thematisiert. Ein Teilnehmer der Runde hatte vorgebracht, ob wir nicht Vertreter der einzelnen Parteien oder Honoratioren der Stadt mit ins Boot holen sollten, um die Critical Mass bekannter und hoffähiger zu machen. Kommentar einer anderen Teilnehmerin, die bereits versucht hatte, solche Kontakte herzustellen:

Die Critical Mass in Karlsruhe ist denen nicht politisch genug. Macht euch mal Gedanken, was ihr überhaupt wollt. Was sind eure persönlichen Ziele. Hier ein Flyer vom Radlerforum und ein Ausdruck des 20-Punkte-Programms der Stadt zur Förderung des Radverkehrs.

Jeder griff sich einen Flyer und blätterte ihn durch. Ein verächtliches Schnauben ertönte zu meiner Linken. Ein Seniorenrat sei Teil dieses Radlerforums, dann könne das ja wohl nichts sein, denn was wissen die schon vom Radfahren. Ich bin zwar noch kein Senior, fühle mich jedenfalls nicht so, auch wenn ich in den Augen eines 20-Jährigen mein „Best before date“ wahrscheinlich schon lange überschritten habe. Aber ich merkte, wie mir der Kamm schwoll.

Warum wir fahren wo wir fahren

Die TU Dresden hat im Rahmen einer Diplomarbeit untersuchen lassen, warum wir Radfahrer in bestimmten Situation die Straße, den Radfahr-/Schutzstreifen bzw. den Rad-/Gehweg benutzen. Von Mitte Februar bis Mitte April dieses Jahres wurden online 6584 Personen befragt, von denen 5575 (2/3 Männer, 1/3 Frauen) für die Studie verwertbare Angaben machten. Das Durchschnittsalter lag jenseits der 40, das Bildungsniveau war überdurchschnittlich hoch und die meisten Befragten gaben an, in Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern zu leben.

Die Studie ist zwar nicht repräsentativ, weil die Mehrheit der Befragten angab, überdurchschnittlich häufig mit dem Rad unterwegs zu sein (80,8 % mindestens 4 Tage/Woche im Sommer bzw. 55,1 % im Winter), aber sie gibt eine gute Vorstellung davon, was uns Radfahrern besonders wichtig ist:

Wir wollen sicher und zügig ans Ziel kommen, dabei auf möglichst unverschmutzten Wegen ohne Behinderung durch Kraftfahrzeuge und gleichzeitig rücksichtsvoll anderern Verkehrsteilnehmern gegenüber unterwegs sein:

Stehen wir über dem Gesetz?

Stehen wir Radfahrer über dem Gesetz, nur weil wir Rad fahren? Gelten Regeln immer nur für andere Verkehrsteilnehmer, aber nicht für uns selbst? Anders kann ich die Pressenachricht der Polizei Karlsruhe leider nicht interpretieren:

Radkontrollen stießen auf Unverständnis

Ich weiß natürlich nicht, wie viele Radfahrer insgesamt kontrolliert wurden. 17 von 100 sind viel, 17 von 1000 sind nicht viel. Die Kreuzung Rüppurrer Straße / Baumeisterstraße ist ein gefährliches Eck. Gerade dort sollten wir Radfahrer nicht nur höllisch aufpassen, sondern uns auch an die Regeln halten. Ich halte es weder für Schikane noch für unsinnig, wenn man auch uns kontrolliert. Die Polizisten hätten bestimmt auch lieber etwas „Besseres“ getan,  Auch zugeparkte Radwege oder blind nach rechts abbiegende Autofahrer rechtfertigen nicht unser eigenes Fehlverhalten. Nur weil wir mit dem Rad unterwegs sind, gibt uns das keinen Freifahrtschein für Regelverstöße. Das sehen viele andere Radfahrer auf Twitter und Facebook zwar komplett anders als ich, aber irgendwie war ich noch nie Mainstream.

Eine Stadt voller Räder

Im Juni wurden wir vor dem Start der Critical Mass von Kirsten Etzold, einer Redakteurin der Badischen Neuesten Nachrichten, interviewt. Ganz zum Schluss fragte Frau Etzold in die Runde, was wir uns denn für die Zukunft erhoffen. Daraufhin antwortete Christa Walter:

Mein Traum ist eine Stadt voller Räder.

Ich muss gestehen, dass mir in diesem Moment keine wohligen Schauer über den Rücken liefen, eher so was wie Panik. Nicht weil ich mir nicht auch eine Stadt voller Räder anstelle vieler Autos wünschen würde, aber angesichts der noch fehlenden Infrastruktur macht mir die Vorstellung vieler Räder auf engstem Raum um mich herum eher Angst als angenehme Vorfreude.

Freitag war wieder Critical Mass. Knapp 100 Radfahrer fuhren in einem langgestreckten Verband gemütlich eine Stunde durch die Stadt Karlsruhe. Bei Versammlungen wie der Critical Mass bekommt man eine ganz gute Vorstellung davon, wie viel Raum eine Hundertschaft Radfahrer benötigt, um sicher von A nach B zu kommen. Da reicht ein 2 Meter breiter Radstreifen nicht, geschweige denn ein schmaler Schutzstreifen. Viele Radfahrer benötigen auch viel Raum. Wenn Hundert Radfahrer schon viel Raum einnehmen, wie viel Raum muss dann erst für eine Stadt voller Räder vorgesehen werden?

Bilder der Woche – Rügen 2016

Diese Räder sind nicht auf Retro getrimmt, die sind schlicht und ergreifend alt, aber noch relativ gut in Schuss. Leider gab es sie auf Rügen nicht zum Ausleihen:

Alte Fahrräder mit Karbidlampe

Das Rad im Vordergrund ist sogar noch mit einer alten Karbidlampe ausgerüstet. Alle haben einen schnieken Ledersattel (Lepper bzw. Brooks).

Ausleihen konnte man sich genau das, was ich befürchtet hatte: Oma-Rad mit tiefem Einstieg, breiter, viel zu weicher Sattel und ein geschwungener Lenker. Selten habe ich mich älter gefühlt.

Eröffnung Strommastendownhill

Am 24. April 2016 wird die Downhillstrecke am Edelberg – in Karlsruhe auch als Strommasten-Downhill bekannt – offiziell eröffnet. Gleichzeitig feiert der MTB-Club Karlsruhe sein 25-jähriges Bestehen. Sozusagen zwei Fliegen mit einer Klappe. Dem Anlass entsprechend wird es auch eine angemessene Feier geben, sprich das Kulinarische wird nicht zu kurz kommen. Details und ein offizielles Programm findet ihr auf der Website des Mountainbike Clubs.

Die neue Abfahrt befindet sich rechts unterhalb von der Strom-/Gastrasse am Edelberg. Der Startpunkt ist am Wildschweingehege in Grünwettersbach in der Nähe des Funkturms. Die Downhillstrecke ist etwas über einem Kilometer lang, vielseitig und bietet über 160 Höhenmeter Passagen mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden an. An fahrtechnisch anspruchsvollen Stellen gibt es auch eine einfache Umfahrung, so dass durchschnittlich versierte Fahrer wie ich diese ebenfalls bewältigen können. Bin mal gespannt, ob das auch stimmt. Ich bin ja ein bekennender „Schisser“.

Das Gute vorweg, die Benutzung der Strecke ist kostenlos. Durch eine umsichtige Gestaltung der Querung von Wanderwegen – siehe nachfolgende Bilder – sollen Beeinträchtigungen für andere Nutzer der Waldwege – sprich Spaziergänger und Jogger – vermieden werden. Der MTB-Club Karlsruhe trägt die Kosten für den Bau und kümmert sich auch um die Unterhaltung der Strecke.

So sind die Querungen gestaltet:

Downhill-Strecke trifft auf Waldautobahn

Downhill-Strecke trifft auf Waldautobahn

Wegmarkierung

Wegmarkierung

Neueröffnung: 24. April

Noch darf die Strecke nicht befahren werden

Am unteren Teilstück wird derzeit noch gearbeitet. Dort entsteht gerade eine nette kleine „Sprungschanze“.

Grüne Welle auch für Radfahrer

Abgesehen mal von rücksichtslosen Autofahrern, träumenden Fußgängern und Hunden an langen Schleppleinen nervt uns Radfahrer in der Stadt doch eigentlich nichts mehr, als alle paar Hundert Meter bei Rot anhalten zu müssen. Siemens hat eine Smart­phone-App entwickelt, die diesem Übel ein Ende setzten könnte. SiBike heißt die App und sie verspricht den Nutzern auf ausgewählten Strecken eine grüne Welle.

Diese Technik wird schon von Bussen genutzt

so Projektleiter Michael Düsterwald in München. Wo ist der Haken? Bei Radfahrern klappt das nicht mit jeder Ampel. Städte und Gemeinden müssen die Signalanlagen erst so einrichten, dass diese mit der App auch  kommunizieren können, und marktreif ist die App leider auch noch nicht.

Grundsätzlich funktioniert die App folgendermaßen:  Rund 60 Meter vor einer Ampel gibt es einen sogenannten virtuellen Anmelder. Nähert sich ein Fahrradfahrer mit der aktivierten App, nimmt sein Smartphone Kontakt mit der Verkehrsleitzentrale auf. Diese erkennt über GPS den Standort und sendet den Befehl an die Ampel, die Grünphase um einige Sekunden zu verlängern. Stimmen muss aber das Tempo des Radfahrers. Wer eine „Grüne Welle“ will, muss eine bestimmte Ge­schwin­dig­keit einhalten. In der Regel sind das etwa 18 bis 20 km/h. Das finde ich zwar etwas wenig, aber der Durchschnittsradfahrer fährt anscheinend langsamer als ich und wie heißt es so schon „Eile mit Weile“.

Autofahrer müssen nur unmerklich länger warten, denn die Grünphase wird nur einmal verlängert. Damit wirkt sich die Grüne Welle für Radfahrer nicht wirklich negativ auf die Autofahrer aus und wird damit hoffähig.

Noch gibt es diese App nicht, sie ist noch in der Testphase, u.a. in der Studentenstadt Bamberg.

Wir haben knapp 13 000 Studierende, da ist es ganz klar, dass die in ganz hohem Maße mit dem Rad unterwegs sind.
Man ist in der Innenstadt deutlich schneller als mit dem Auto.

Das trifft auf Karlsruhe auch zu – zig Tausend Studenten und man ist mt dem Rad in der Innenstadt deutlich schneller unterwegs als mit dem Auto. Ich studiere zwar nicht mehr, aber ich probiere diese App gerne für euch aus.

Falschparker auf dem Radweg

Fast jeden Abend, wenn ich mit dem Rad nach Hause fahre, das gleiche Bild vor dem Sexshop Hardtstraße/Ecke Rheinstraße: Falschparker. Wenn man Glück hat, machen die von hinten kommenden PKW Fahrer Platz, dass man das Hindernis umrunden kann. Wenn man Pech hat – hat man leider meist, wenn die Ampel gerade grün ist – dann heißt es warten, bis sich eine Lücke auftut.

Der Warnblinkanlage nach zu urteilen handelt es sich in diesem Fall um eine immens wichtige Angelegenheit. Dabei gibt es in der Nähe (ca. 100 Meter zurück) genügend Parkplätze neben dem Radweg. Dann müsste man allerdings bis zum Laden zu Fuß gehen. Das scheinen einige als Zumutung zu empfinden.

Falschparker auf dem Radweg

Falschparker auf dem Radweg (Mittwoch)

Der Smart-Fahrer hat zwar auf dem Radweg mehr Platz gelassen, dafür aber die Hälfte des Gehwegs zugeparkt.

Falschparker auf dem Radweg (Donnerstag)

Falschparker auf dem Radweg (Donnerstag)

Ich könnte noch ein paar Fotos veröffentlichen, alle in etwa an ein und derselben Stelle aufgenommen. Parken auf dem Rad-/Gehweg scheint zum Kavaliersdelikt geworden zu sein.

Stadion statt Radwege

Seit gestern geht in mir die Angst um, was wenn Essen Schule macht. Dort wurde laut eines Berichts auf Zeit Online gerade der Etat für den Radverkehr gestrichen zugunsten des Fußballstadions. Ich konnte es kaum glauben, ausgerechnet Essen, die Kulturhauptstadt des Jahres 2010, die Grüne Hauptstadt Europas 2017, eine Ruhrmetropole, die angeblich so fahrradfreundlich ist, will Gelder, die für den Radverkehr vorgesehen waren (500.000 €), jetzt fürs Stadion verwenden. Wie passt das denn zusammen?

Auch bei uns in Karlsruhe wird die Stadionfrage seit Jahren hitzig diskutiert. Das Wildparkstadion ist in die Jahre gekommen und entspricht nicht mehr den Anforderungen der 1. Liga. Was wurde nicht schon alles vorgeschlagen: Neubau an anderer Stelle, Abriss und Neubau an selber Stelle, Sanierung und Vergrößerung – alle Möglichkeiten wurden kontrovers diskutiert. Zugegeben, ich bin kein Fußballfan, aber manchmal konnte man den Eindruck gewinnen, dass einige Planer und „Visionäre“ sich ein Denkmal setzen wollen. Meine Kollegen werden mich zwar verfluchen, aber insgeheim bin ich froh, dass der KSC nicht in die erste Liga aufgestiegen ist.

Was auch immer die Stadtväter beschließen werden, sowohl ein Neubau als auch ein Umbau kosten Geld. Ich für meinen Teil möchte nicht, dass dieses Geld woanders abgezwackt wird, schon gar nicht beim Radverkehr. Die Stadt Karlsruhe hat einen langangelegten 20-Punkte-Plan zur Förderung des Radverkehrs. Sie will Fahrradgroßstadt Nr. 1 in Süddeutschland werden, den Radverkehrsanteil stetig steigern, die Verkehrssicherheit für den Radverkehr erhöhen, das Radwegenetz ausbauen und vieles mehr. Auch das kostet Geld. Leider kann man Geld immer nur einmal ausgeben. Wenn Essen Schule macht, fragt sich nur, was in Zukunft Priorität haben wird.

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