Gestern ist es passiert. Ich befand mich abends kurz vor 18 Uhr auf dem Heimweg. Es regnete und es war kalt und ungemütlich. Ich stand mit meinem Fahrrad an einer großen Kreuzung und wartete auf Grün. Vor mir stand eine weitere Radfahrerin, die ihrem Outfit nach zu urteilen, ebenfalls gerade von der Arbeit kam: Rucksack von Vaude – weithin sichtbar dank der grell hell im Scheinwerferlicht leuchtenden Regenhaube – Pumps, die weite Stoffhose mit Radklammern befestigt, damit sie sich nicht in der Kette verfängt und zum Schutz gegen den Regen ein Regencape.

Die Ampel sprang auf Grün und wir fuhren los. Der Radweg ist auf der Siemensallee lediglich durch eine Markierung von der Straße getrennt, aber dennoch breit genug und auch für PKW Fahrer klar erkennbar. Als die vor mir fahrende Radfahrerin die Kreuzung überquert hatte, kam von rechts aus der Neureuter Straße ein Kleinwagen und nahm ihr voll die Vorfahrt. Es ging so schnell, dass die Radfahrerin nicht mehr bremsen oder ausweichen konnte. Wohin hätte sie auch ausweichen sollen? Etwa nach links? Da hätten von hinten kommende PKWs sie überfahren können. Der Wagen streifte die Radfahrerin auf der Fahrerseite, sie stürzte und schlug mit dem Kopf auf die Fahrbahn. Das Geräusch, als der Helm auf die Fahrbahn klatschte, werde ich nicht so schnell vergessen. Das Gute vorweg: Der Kopf blieb heil, nur der Helm war aufgeplatzt wie eine Kokosnuss. Die Frau konnte alleine aufstehen und hatte – zumindest nach erster Aussage – nur Prellungen und Abschürfungen.

Wir zogen das Fahrrad von der Fahrbahn auf den Gehweg. Der PKW Fahrer hielt an, kam hinzu und entschuldigte sich. Er habe sie nicht gesehen, sie müsse in seinem toten Winkel gewesen sein, ob sie denn überhaupt Licht angehabt hätte. Schon wurde aus dem Unfallopfer eine potentiell Mitschuldige nach dem Motto „wenn ich dich nicht gesehen habe, dann war das nicht meine Schuld, sondern deine, denn du hattest bestimmt kein Licht an“. An der Stelle sah sich das Unfallopfer doch tatsächlich genötigt zu beweisen, dass ihre Lampe funktionierte.

Nachdem klar war, dass nichts Sensationelles passiert war, entfernten sich die wenigen Schaulustigen und wir drei blieben allein: der Unfallverursacher, die Geschädigte, ich als Zeuge. Die Radfahrerin stand aufgrund des Schocks voll unter Adrenalin und hatte das Geschehen besser im Griff als wir. Sie notierte sich unsere Daten und rief die Polizei an. Während wir auf das Eintreffen der Polizei warteten, hatte ich Muße ein Blick auf ihr Rad zu werfen. Soweit man das bei den Lichtverhältnissen beurteilen konnte, war es noch fahrtüchtig. Selbst die Akku betriebene Beleuchtungsanlage vorne und hinten funktionierte noch, wenn auch ein wenig funzelig.

Die Polizei kam, erkundigte sich nach dem Befinden der Radfahrerin, fragte, ob ein Rettungswagen nötig sei und beäugte dann auch gleich die Lampen vorne und hinten am Rad. Diese waren nicht StVZO zugelassen, aber das interessierte die beiden Polizisten Gott sei Dank nicht. Sie wollten nur wissen, ob sie Licht an hatte oder nicht. Die Schuldfrage war schnell geklärt, die Aufnahme der Aussagen zog sich hin. Während wir – der Unfallverursacher und ich – nacheinander im kuschelig warmen Polizeiauto unsere Aussage machten, stand die Geschädigte die ganze Zeit im wahrsten Sinne des Wortes im Regen. Das ist eigentlich das einzige, was ich den beiden Polizisten etwas ankreide. Hätte man nicht der Frau anbieten können, sich schon mal ins Auto zu setzen? Schließlich war sie doch angefahren worden, nicht wir.

Dieser Unfall hat mir noch einmal zwei Dinge deutlich vor Augen geführt:

  • Ohne Helm wäre die Frau sicherlich nicht so glimpflich davongekommen.
  • Sehen und gesehen werden ist immens wichtig. Macht euch sichtbar! Tragt helle Kleidung oder eine Warnweste. Kauft euch eine gescheite Beleuchtungsanlage, damit man euch auf eurem Fahrrad auch sieht.