Wann ist man alt? Gute Frage, nächste Frage. Alt sein ist relativ. Kinder würden darauf eine andere Antwort geben als Rentner. Wenn ich mich im Büro so umschaue, dann denke ich, dass da einige sitzen, die zwar erheblich jünger sind als ich, aber dennoch viel „älter“ wirken, als manch einer meiner Bekannten vom Lauftreff jenseits der Sechzig.
Wann ist man also alt? Wenn man eine bestimmte Anzahl von Jahren auf dem Buckel hat? Wenn man im Alltagstrott gefangen ist und einen nichts mehr interessiert? Wenn man geistig träge und körperlich unfit ist? Wenn man nicht das neuste Smartphone besitzt oder keine virtuellen Freunde hat? Jeder hat da andere Vorstellungen, die sich ändern, je länger man lebt.

Nehmen wir meinen Chef-Chef. Im zarten Alter von 30 hat er seine Liebe fürs Radfahren und für den Radsport entdeckt und einen Urlaub auf Mallorca gebucht, dem Mekka für Radsportler und Radwanderer. Rennrad fahren mit Gleichgesinnten, das sollte es sein. Bei der Ankunft im Hotel war die Enttäuschung groß: nur „alte Säcke“ liefen da rum. Am ersten Tag mussten sich die Teilnehmer in Gruppen einordnen vom Anfänger über den Genießer bis hin zum Kilometerfresser. Als sich die „Alten“ in relativ anspruchsvolle Gruppen eintrugen, war auch für meinen Chef-Chef klar, wo er sich einzuordnen hatte – auf keinen Fall darunter. Ein paar Kilometer konnte mein Chef-Chef mithalten, dann waren die „alten Säcke“ davon gefahren. Abends nach einem Tag auf dem Sattel und vielen Kilometern und Höhenmetern in den Beinen war Tanz angesagt im Hotel. Die vermeintlich Alten schwangen das Tanzbein, mein Chef-Chef musste dem anstrengenden Tag Tribut zollen und ins Bett gehen, in der Hoffnung, am nächsten Tag vielleicht ein paar Kilometer mehr mithalten zu können. Jetzt gehört er selbst zu diesen „alten Säcken“ und die „Jungen“ müssen schon viel Stehvermögen haben, wenn sie mit Ihm mithalten wollen.

Ein anderes Beispiel: ein Mitglied aus unserem Lauftreff ist seit zwei Jahren im Ruhestand. Er läuft nicht nur leidenschaftlich gerne, er fährt auch viel mit dem Rad, am liebsten mit dem Rennrad. Also hat er sich einer Gruppe von Gleichgesinnten angeschlossen, allesamt Renter. Obwohl er mit 67 mit Abstand der Benjamin der Gruppe ist, muss er auf den Radtouren immer alles geben um überhaupt mithalten zu können. Ich rede jetzt nicht von kurzen gemütlichen Radtouren den Rhein entlang, sondern von Rennradtouren über 120 Kilometer und mehr durch den Kraichgau, das Elsass oder den Schwarzwald bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen 20 und 25 km/h. Da könnten die meisten Menschen nicht mithalten, seien sie auch noch so fit und nur halb so alt.

Womit wir wieder am Anfang wären. Wann ist man alt? Sportliche Fitness allein sagt natürlich nichts über das Alter eines Menschen aus. Dazu gehört mehr. Meine Vorbilder sind meine Mutter und meine Tante. Meine Mutter ist 87, meine Tante 93 Jahre jung. Beide geistig fit, beide engagiert in der Gemeinde.

Dreirad meiner Tante

Dreirad meiner Tante

Meine Mutter fährt immer noch mit dem Rad, meine Tante mit ihrem Dreirad durchs Dorf. Beide interessieren sich für das, was sie umgibt, gehen ins Theater, haben noch Pläne, die zugegebener Maßen nicht langfristig angelegt sind. Beide sind immer noch gut für Überraschungen und spontane Entschlüsse. Meine Mutter hat sich mit 80 ihren ersten Laptop zugelegt. Sie hatte zuvor noch nie einen PC besessen und hatte keinen Schimmer vom Internet. Jetzt surft sie durchs World Wide Web. Es ist nie zu spät, auch mal was Verrücktes zu machen. Ich hoffe, dass ich viele von ihren Genen mitbekommen habe.