Die Fahrradindustrie boomt auch in diesem Jahr dank einer erneuten Absatzsteigerung von E-Bikes und Pedelecs. Diese guten Zahlen haben leider auch eine Kehrseite – auch der Anteil der Unfälle mit Elektrofahrräder hat zugenommen. Darüber habe ich ja schon an gleicher Stelle berichtet. Laut ZIV (Zweirad-Industrie-Verband) sind aber E-Bike und Pedelc-Fahrer nicht per se einem höheren Unfallrisiko ausgesetzt, vielmehr spiegeln die Unfallzahlen lediglich den wachsenden Anteil der E-Bikes und Pedecs unter den Zweirädern und deren intensiveren Benutzung wider. Der ZIV stützt seine Angaben auf eine Studie die die TU Chemnitz gemeinsam mit dem UDV (Unfallforschung der Versicherer) herausgefunden hat.

Jetzt gibt es eine neue Studie des UDV zum Thema Wahrnehmung der Geschwindigkeit von Pedlecs und E-Bikes. Die Erfahrung werden viele von euch bestimmt auch schon gemacht haben. Ihr kommt mit eurem E-Bike angeradelt und die anderen Verkehrsteilnehmer haben euch gar nicht auf dem Schirm, weil sie eure Geschwindigkeit falsch einschätzen. Die TU Chemnitz hat jetzt untersucht, ob diese Fehleinschätzung möglicherweise für eine erhöhte Gefährdung von Elektrofahrradfahrern spricht.

In einer Versuchsreihe wurden verschiedene Einflussvariablen untersucht:

  • Art des Fahrzeuges (Fahrrad, Pedelec 45, Moped)
  • Alter des Fahrers (30 – 45 Jahre, 65 Jahre und älter)
  • Trittgeschwindigkeit

Ergebnisse:

1) Eine hohe Trittgeschwindigkeit suggeriert eine hohe Geschwindigkeit

Obwohl sich das in der Studie benutzte Fahrrad und das Pedelec optisch kaum voneinander unterschieden, wurde die Geschwindigkeit des Pedelecs von den Probanden als niedriger eingeschätzt. Die Erklärung dafür liegt offensichtlich nicht an der Tatsache, dass es sich um ein Pedelec handelte, sondern vielmehr am Gesamtbild aus Fahrer und Fahrrad bzw. Pedelec. Dank der Motorunterstützung konnte der Pedelec Fahrer seine hohe Geschwindigkeit mit geringerem körperlichen Aufwand realisieren. Er musste weniger treten, um die gleiche Leistung zu erzielen wie mit einem normalen Fahrrad. Offensichtlich suggeriert also die erhöhte Trittfrequenz des Radfahrers eine vermeintlich höhere Geschwindigkeit. Neben der tatsächlichen Annäherungsgeschwindigkeit des Zweirades haben also auch andere Merkmale, wie etwa die Trittfrequenz, die Sitzhaltung oder die vermutete Anstrengung einen Einfluss darauf, wie andere Verkehrsteilnehmer sich verhalten.

2 ) Ein großes Fahrzeug suggeriert eine höhere Geschwindigkeit als ein kleines Fahrzeug

Ein weiteres interessantes Ergebnis war, dass ein Moped im Vergleich zu beiden Fahrradtypen als deutlich früher ankommend geschätzt wurde. Eine denkbare Erklärung hierfür ist laut TU Chemnitz der sogenannte „size-arrival-effect“ bzw. die Wirkung der Fahrzeuggröße. Dieses Phänomen habt ihr bestimmt auch schon an euch festgestellt. Stellt euch vor ihr befindet euch auf der Autobahn auf der Überholspur und seht im Rückspiegel einen Mercedes, Porsche oder BMW herannahen. Dann schert ihr bestimmt auch schneller nach rechts ein, als wenn ihr im Rückspiegel einen Smart oder Fiat 500 kommen seht. Von der Größe und theoretischen PS-Kraft schließt man unwillkürlich auf eine bestimmt Geschwindigkeit.

Insgesamt kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass sich durch die höheren Geschwindigkeiten der Elektrofahrräder und die gleichzeitig sehr hohe Ähnlichkeit zu konventionellen Fahrrädern durchaus Probleme für die Verkehrssicherheit ergeben können. Diese Probleme werden durch das anscheinend entspanntere Aussehen der Elektrofahrradfahrer, der aufrechten Sitzposition und die geringere Trittfrequenz noch verstärkt.

Da wir in bestimmte Denkmustern behaftet sind, wäre es für die Verkehrssicherheit laut Studie am besten, wenn ein Elektrofahrrad sich vom Fahrrad äußerlich eindeutig unterscheiden würde (z.B. anderes Design oder eine andere Beleuchtungs). Die Ergebnisse zur Trittfrequenz deuten außerdem darauf hin, dass wir so handeln wie wir handeln, weil wir als Verkehrsteilnehmer nur Erfahrungen mit konventionellen Fahrrädern haben. Wenn ein E-Bike oder Pedelec auf uns zukommt, denken wir es sei ein Fahrrad und verhalten uns instinktiv auch so. Ergebnis: die Lücke zum Abbiegen wird so gewählt, als näherte sich ein Fahrrad. Da man mit einem Elektrorad durchschnittlich schneller unterwegs ist, als mit einem Fahrrad, kann dies durchaus zu einer erhöhten Gefährdung für den Elektroradfahrer führen.

3) Die Geschwindigkeit älterer Fahrer wurde als höher eingeschätzt

Dieses Ergebnis hat überrascht. Normalerweise würde man doch davon ausgehen, dass ältere Zweiradfahrer langsamer unterwegs sind als junge. Bei Autofahrern ist das jedenfalls so – mit einem sichtbar höherem Alter assoziieren wir eine geringere Geschwindigkeit. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, geht man in der Studie davon aus, dass diese Fehlinterpretation der Probanden daher rührt, dass die älteren Fahrer sich sichtbar anstrengen mussten, um die erhöhte Geschwindigkeit zu erreichen. Damit sind wir wieder bei Punkt 1) oben. Die Trittgeschwindigkeit, die Sitzposition und der offensichtliche körperliche Einsatz spielen eine entscheidende Rolle dabei, wie ich als Verkehrsteilnehmer die Geschwindigkeit anderer einschätze.

Wie ließe sich kurzfristig eine potentielle Gefährdung von E-Bike und Pedelec Fahrer aufgrund der höheren Geschwindigkeit vermeiden:

E-Bikes und Pedelecs müssen sich laut Studie im Aussehen eindeutig von normalen Fahrrädern unterscheiden. Und genau da sehe ich die Problematik. Die meisten Käufer von Elektrofahrrädern wollen ja gerade, dass sich ihr Fahrzeug kaum bis gar nicht vom Fahrrad unterscheidet. Die Akkus werden immer kleiner und leistungsstärker und teilweise sogar bewusst so angebracht oder farblich kaschiert, dass man sie nicht wahrnimmt. Mittlerweile gibt es ja auch schon Elektro-Rennräder, bei denen der Akku geschickt im Unterrohr kaschiert ist und der Antrieb erst auf den zweiten Blick sichtbar ist, wenn man das Rad von der Seite betrachtet.