Radelblog

Das Rad – Fortbewegungsmittel und Lebensgefühl zugleich

Das Schreien der Lämmer

Merinowolle ist derzeit in aller Munde. Nicht weil es sich dabei um einen natürlichen, nachwachsenden Rohstoff handelt, sondern wegen der Art und Weise, wie die Merinoschafe in Australien und Neuseeland gehalten werden. Um einen hohen Wollertrag zu erzielen, züchtet man die Schafe so, dass sie möglichst viele Hautfalten haben. Je mehr Falten desto mehr Wolle. Die Kehrseite der Medaille ist, dass sich Fliegenmaden in den Hautfalten wohlfühlen, was zu Infektionen und schlimmstenfalls sogar zum Tod der Schafe führen kann. Um das zu verhindern, werden den Lämmern die Falten um den After herum weggeschnitten, und zwar meist ohne Betäubung. Diese Prozedur bezeichnet man als Mulesing nach  John W. H. Mules, der sich das anscheinend ausgedacht hat. Als ich auf ZDFzoom gesehen habe, wie man den armen Lämmern die Haut rund um den Schwanz ohne Betäubung weggeschnitten hat, war ich entsetzt. Schafe waren für mich immer die süßen Tiere, die bei meinen Bekannten auf der Wiese stehen und nicht die armen Kreaturen in der ZDF Reportage.
Die Sache hat mir keine Ruhe mehr gelassen, zumal ich mir gerade zwei langarmige Funktionsshirts aus eben diesem Material zugelegt habe – eins von VAUDE und eins von Löffler. Ich liebe diese Shirts. Sie kratzen nicht und sie halten warm, ohne dass man im eigenen Saft schmort. Das Transtex Merino Langarmshirt von Löffler habe ich bei Minusgraden sogar beim Joggen an.

ZDFzoom hat 34 deutsche Marken und Kaufhäuser angeschrieben, ob sie mulesing-freie Produkte anbieten. Das Ergebnis war für mich eher ernüchternd:

  • Zwei beziehen keine Wolle aus Australien
  • Sechs sind sich des Problems bewusst und wollen in Zukunft mit mulesing-freier Wolle auskommen
  • Zehn vertrauen auf Aussage ihrer Lieferanten, dass kein Mulesing stattfinde
  • Sieben appellieren an das Vertrauen der Kunden, dass es den Tieren gut gehe
  • Fünf gehen nicht auf die Frage ein
  • Vier habe nicht geantwortet
  • Niemand verweist auf eine einsehbare Lieferkette

Ob VAUDE oder Löffler zu den angefragten Marken gehörten, weiß ich nicht. Da ich aber wissen wollte, ob die beiden Firmen mulesing-freie Produkte anbieten oder nicht, habe ich sie kurzerhand angeschrieben und sogar eine Antwort bekommen.

Löffler schreibt:

Wir können Ihnen bestätigen, dass bei unseren Artikeln nur zertifizierte mulesingfreie Merinowolle eingesetzt wird. (….) Wir achten auf die Herkunft unserer Stoffe und Garne, da alles andere unserer Unternehmensphilosophie widersprechen würde.

VAUDE schreibt:

Unsere Merino Wolle ist Mulesing frei. Wir selbst sind nach dem Responsible Wool Standard zertifiziert. Die Produkte sind aber noch nicht damit gelabelt, weil die Supply Chain noch nicht ganz vollständig zertifiziert ist. Deshalb arbeiten wir momentan noch mit schriftlichen Bestätigungen der Lieferanten, dass die Wolle mulesing frei ist. Siehe auch hier

Ich bin natürlich froh, dass sowohl VAUDE als auch Löffler bei der Auswahl ihrer  Lieferanten klare Kriterien hinsichtlich der Tierhaltung verfolgen. Aber letztendlich stehen auch wir Kunden in der Pflicht. Ganz so machtlos wie wir manchmal denken, sind wir nämlich gar nicht. Nehmen wir Bio-Produkte oder erneuerbare Energien – es ist noch gar nicht so lange her, da wurde beides belächelt – was für Ökos und Spinner, aber nicht rentabel. Heute sieht das anders aus: 2018 lag der Anteil der erneuerbaren Energien erstmals über 40 %. Durch unser Kaufverhalten können wir also doch etwas bewegen.

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  1. eva

    Prima Artikel und ich bin froh, dass Vaude und Löffler hier nicht mitspielen.
    Lieben Gruß Eva

  2. Ich habe deinen Artikel mit sehr großem Interesse gelesen, das alles war mir völlig fremd. Da ich auf dem Land groß geworden bin, kannte ich nur die Schur einmal im Jahr und das ging ganz normal über die Bühne, ohne dass den Schafen da großes Leid zugefügt worden ist, es waren glückliche Schafe, so hatte ich jedenfalls den Eindruck. Ich habe mich schon oft gewundert, wieso in manchen Kaufhäusern so billige Merinoschafwoll- Pullis angeboten werden können, nun kann man es nachvollziehen.
    Liebe Grüße
    Edith

  3. Ein interessanter und gut recherchierter Beitrag….da ich selber gerne mit weicher Wolle stricke und kratzige Schafwolle gar nicht auf der Haut Verträge, bin ich schon länger mit dem Problem der Merinowolle vertraut. Inzwischen verwende ich nur noch Alpakawolle von Tieren, die ich kenne oder von einem Fairtrade-Anbieter.
    LG Sigrun

  4. Jo

    Icebreaker hat vor über einem Jahrzehnt schon Merino-Shirts ohne Mulesing angeboten. Die anderen Anbieter haben seitdem nachgezogen. Der Preis ist happig, aber gerechtfertig.

    • Anke

      Ich sehe das bei den Preisen so: Ist ein Produkt unter Berücksichtigung aller Faktoren (Herstellung, Material, Aussehen u. Funktionalität) seinen Preis wert, dann ist es im wahrsten Sinne des Wortes preiswert.
      Lieber ein „teures“, nachhaltig und fair produziertes Qualitätsprodukt kaufen, das lange hält, als einen billigen Fummel, der nach mehrmaligem Waschen sowohl Form als auch Farbe verliert und noch dazu aus Kinderhände Arbeit stammt.

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